Umgang mit Promos
"Weitere Konsequenzen: Kein Artwork mehr für Promos, und musikalisch "Cripleware" das heisst, die Stücke sind dort z.T. entweder nicht gemastert, gekürzt, verändert, oder auch gar nicht drauf."
Und:
"Momentan bestehen die vorbereiteten Promos aus konsequentem Weglassen und z.T. Kürzen. - Kann sogar so kommen, dass es für viele Bereiche überhaupt keine realen Promo-Tonträger mehr geben wird (die Sammelobjekt sein könnten), sondern nur eine irgendwie geartetet Abhörmöglichkeit, z.B. online."
In der Ausgabe 10/02 des Zillo ist als "Opener" ein Beitrag zu finden, der die Dinge aus der anderen Sicht beschreibt, nämlich aus der Sicht derer, die die Musik rezensieren, Interviews mit den Künstlern führen und damit natürlich auch wichtige Werbearbeit leisten.
Der Text ist zwar lang, aber da ich ihn als wichtiges Diskussionsargument erachte und er online nicht zu finden ist, mach ich mir mal für die Nicht-Zillo-Besitzer die Mühe, den Text im Wortlaut abzutippen.
Zitat Anfang:
Wir machen da nicht mit
Stellt euch vor, ihr wollt ein Bike oder ein Auto kaufen. Voller Vorfreude und mit genügend hart erkämpfter Knete in der Tasche geht ihr zu eurem Dealer um die Ecke. Doch anstatt dass dieser euch nun die heissesten blitzenden Teile brandfrisch aus der letzten Prouktion antanzen lässt, knallt er euch zahlreiche rohe Karosserien vor die Nase, ohne Lack und ohne Chrom. Fast alle anderen notwendigen Teile sind zwar auch irgendwie vorhanden, müssen aber erst noch an den rechten Platz gerückt und justiert werden. Einen Eindruck vom fertigen Produkt könne man sich doch aber auf jeden Fall machen, oder ?
Würdet ihr so was kaufen? - Natürlich nicht! So etwas gibt es nicht, meint ihr? - Aber ja! Diese Dinge geschehen derzeit immer öfter - im Musikbusiness!
Da bekommst du z.B. ein Tape (keine CD!) mit ein paar wenigen Stücken von einem Album einer experimentellen Popband. Man hat dich bereits gewarnt, dass die Songs erst später gemastert und hier nur angespielt werden und die Klangqualität grottenschlecht sein wird, doch ob das Geleier, das da dann tatsächlich aus den Boxen quillt, Ergebnis der verschrobenen Kreativität der Band, ein Defekt des Tapes oder deines Kassettendecks ist, das du gerade vom Dachboden gekramt und entlaust hast, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch die Interviews mit dem Act laufen schon bald, und auch wenn du inzwischen etwas genervt bist, sollst du dich nun entscheiden, ob du über ihn was machen willst oder nicht.
Ein anderes Mal durften wir uns im Internet 3 Songs eines bevorstehenden Albums drei Mal anspielen lassen, um uns ein Urteil über das kommende Produkt zu bilden, und im bisher krassesten Fall sollten wir eine Entscheidung für ein Titelthema treffen, ohne auch nur einen einzigen Ton dazu gehört zu haben. Der Interviewer hätte doch vor Ort, also wenn er das Interview mache, ausreichend Gelegenheit, das neue Produkt zu prüfen. Das würde doch genügen, oder? Zumal man doch reichlich Anzeigen schalten wolle, aber nur, wenn das Thema dann auch wirklich Titel würde. Und wenn der Redakteur sich nicht auf das Urteil des Schreibers verlassen wolle, (so die Antwort auf meine diesbezügliche Frage), dann könne er ja selber bei der Plattenfirma vorbei kommen. (Klar Leute, hab mich inzwischen darauf eingestellt, dass meine redaktionelle Tätigkeit schon bald nur noch daraus bestehen wird, von Hörprobe zu Hörprobe zu jetten.)
Wäre es nicht grässlich, wenn man gezwungen wäre, unter derartigen Bedingungen ein Produkt zu kaufen? Um wieviel grässlicher wäre es aber, unter derartigen Bedingungen ein Produkt Zehntausenden begeisterter Musikfans empfehlen zu sollen?
Bisher war und ist es für die meisten unserer Partner selbstverständlich, dass sowohl der Musikjournalist (der das Interview macht und den Artikel schreibt) als auch der Redakteur (der die Interviews in Auftrag gibt und über die Größe der Artikel entscheidet) vor Veröffentlichung einer CD mit derselben bemustert werden, damit siesich voll und ganz eine eigene Meinung über das Produkt bilden können. Der Journalist schlägt dieses Produkt dann bei Gefallen seinen Redakteuren vor und wenn es diesen auch zusagt, beauftragen sie ihn zu einem entsprechenden Artikel, für den der Journalist dann wohl vorbereitet in das Interview mit der Band gehen kann.
Wie in jeder anderen Branche gibt es auch im Musikbusiness viele Absprachen und ein Geben und Nehmen. Aber alles hat seine Grenzen. Plattenbosse (und vielleicht auch einige Musiker), die ihr meint, illegale CD-Brennerei und Herunterladen von Musik bekämpfen und obendrein gleich auch noch Werbungskosten sparen zu können, indem ihr den Medien eure Produkte nur noch in schrecklich entstellten oder unfertigen Versionen oder, besser noch, gar nicht erst zur Verfügung stellt, solltet Folgendes wissen:
Wir werden unseren Lesern keine Katzen im Sack verkaufen! Wer nicht willens ist, uns so zu bemustern, dass
a) wir eine Entscheidung treffen können, die wir guten Gewissens vor unserer Leserschaft verantworten können, und
b) unsere Schreiberinnen und Schreiber die Möglichkeit bekommen, sich rechtzeitig und vor allem gründlich auf ein Interview vorzubereiten,
wird von uns redaktionell nicht so berücksichtigt werden, wie das sonst der Fall wäre.
(Im übrigen wird durch diese Maßnahme der Plattenindustrie die CD-Piraterie nicht im geringsten bekämpft, sondern nur auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung eines Produktes verschoben: Der clevere Konsument der heißen Ware kann die 2 Monate, die zwischen Beginn der Promotion-Aktivitäten und dem Release-Date der CD vergehen, locker warten). ... Wir sind fest davon überzeugt, dass wir ganz in eurem Interesse handeln, wenn wir euch keine Produkte aufschwatzen, die wir selber gar nicht oder nur in Rohversionen zu Gehör bekommen haben.
Ich persönlich kann nur hoffen, dass derartig dekadente Eskapaden die letzten Zuckungen danieder liegender Großkonzerne sind, bevor es mit ihnen (und hoffentlich klügeren Köpfen an den entsprechenden Positionen) wieder aufwärts geht.
In diesem Sinne wünsche ich gute Besserung und grüße alle wahren Musikfans.
Joe Asmodo
P.S.: Auf unserer Homepage (
www.zillo,de/forum/ ) haben wir dazu eine Umfrage gestartet, an der ihr euch gerne beteiligen könnt.
Zitat Ende
(Anm. in eigener Sache: *ächzzz*)
Bei einem aktuellen Umfrageergebnis von 48.8% zu folgendem Punkt, nämlich "Bands und Labels, die so etwas machen bzw. zulassen, sollte man links liegen lassen, weil sie den Konsumenten verarschen. Und Zillo sollte sie an den Pranger stellen.",
sollte man diese Gefahr unbedingt nochmal überdenken!!
🙂 Denn was würde mit einer Band wie den Lakaien passieren, wenn wichtige und natürlich werbewirksame Beiträge in den großen Szene-Zeitschriften immer seltener zu finden wären??? Ob sich dann wohl rentiert, daß mit qualitativ schlechten bzw. nichtvorhandenen Promos DL nicht mehr ausreichend promotet werden?
Chris