Hm ich schon wieder :roll:
Sodele hatte nun endlich die Gelegenheit in den alten Stuttgarter Zeitungen meines Chefs zu kramen während er in
der Mittagspause war und dabei kamen dann auch noch zwei Artikel zu Tage. Hab sie abgetippt, Schreibfehler inklusive,
Fotos gab es nicht dazu.
Eh voilá:
Stuttgarter Nachrichten vom 19.02.2007:
Deine Lakaien im Hegelsaal - Der Sänger leidet lustvoll
Des Sängers bitterer Bariton klingt nach Weltschmerz, und mit den hoch toupierten, zum Zopf gebundenen Haaren
über dunklem Anzug schaut er nicht wie einer aus, mit dem sich spaßen ließe.
Sein exzentrisches Gehabe - wie er Einzelne im Publikum manisch fixiert, wie er mit dem Mikroständer spielt, wie er
den Leuten minutenlang den Rücken zukehrt - zeigt es: Alexander Veljanow, Sänger von Deine Lakaien, gehört
eindeutig nicht der Spaßfraktion an, sondern jener schwarz gekleideten Romantic-Wave-Klientel, die den Hegelsaal
bis auf fast den letzten Platz besetzt hat. Sie feiert mit ihrer Lieblingsband "20 Jahre Electronic Avantgarde", wozu
die Neue Philharmonie Frankfurt geladen wurde. Ein Anlass, der auf DVD mitgeschnitten gehört. Was dem Abend ein
für das Genre auffallend helles Saallicht und eine konzentrierte Stimmung beschert.
Das erste Wort Veljanows: "Lonely" (einsam). Die letzten, zweieinhalb Stunden später, werden dem Song
"Reincarnation" entstammen und behaupten, dass es auf Erden weder Liebe noch Hoffnung gebe. Diese
niederdrückende Botschaft wird uns freilich derart opulent überbracht, dass wir sie geradezu genießen. Der Sänger
leidet lustvoll, die Songs fangen in den Orchesterarrangements ihre wohl optimale Form. Besser klangen die Lakaien
nie, weder in ihrer elektronischen Anfangsphase noch während der Akustiktournee 1995.
Eine bessere Band hätte auch die Berliner Ausstellung " Melancholie - Genie und Wahnsinn in der Kunst" 2006 in ihrem
Rahmenprogramm nicht aufbieten können. Denn die Inszenierung des romantischen Weltschmerzes gelang Veljanow mit
Partner Ernst Horn - einem klassisch geschulten Dirigenten und Theaterkomponisten - auch als Duo in zwei Stücken
nach der Pause. In ihrer spärlichen Ästhetik - Horn an elektronischen Gerätschaften, wie auch sein Sänger dem Publikum
abgewandt - würfte sie aber für die DVD-Aufnahmen wenig hergeben. Als das Orchester wiederkommt, gibt´s dann auch
sofort Jubel der Fans, die das Experiment mit dem Sinfonieorchester offenbar gutheißen.
Von Michael Riediger
Stuttgarter Zeitung vom 19.02.07
Moderne Klassik - Deine Lakaien in der Liederhalle
Ernst Horn muss sich seinen musikalischen Traum erfüllt haben. Einen Namen hat sich der Dirigent, Pianist, Soundtüftler
und Komponist als die instrumentale Hälfte der deutschen Gothic-Ikonen Deine Lakien gemacht - und dabei doch immer
ein wenig im Schatten des charismatischen Frontmannes Alexander Veljanov gestanden. Bisher hatte Horn all seine oft
innerhalb eines Liedes zwischen düsterer Melancholie, melodischer Romantik, wagnerianischem Pomp sowie kakofonischer
Avantgarde hin - und herspringenden Ideen auf seinen Computern bündeln müssen. Im Konzert durften dann gelegentlich
mal ein paar Geigerinnen und ein Cellist andeuten, wohin die Reise gehen könnte, wenn Horn nur die Möglichkeit dazu
hätte.
Doch zum Zwanzig-Jahr-Jubiläum der Lakaien hat Horn nun in die Vollen greifen können, die Lakaien-Werke für ein rund
dreißigköpfiges Orchester bearbeitet und damit nicht nur sich, sondern auch der fast ausschließlich in Schwarz gekleideten
Anhängerschar im nahezu ausverkauften Hegelsaal am Samstagabend einen Konzertabend bereitet, den niemand, der dabei
gewesen ist, so schnell vergessen wird. Denn Konzerte, in denen sich die Moderne mit der Klassik misst und dabei eine
gleichermaßen schlüssige wie faszinierende Einheit bildet, sind eine rare Ausnahme. In der zweieinhalbstündigen Zeitreise
streifen die Lakaien zusammen mit der von Horn geleiteten Neuen Philharmonie Frankfurt fast alle Stationen der vergangenen
zwei Jahrzehnte, verweilen erfreulich lange bei ihrem wohl eindrücklichsten Werk, "Kasmodiah" aus dem Jahr 1999, und
schließen den Bogen mit Stücken aus dem bis jetzt aktuellstem Album "April Skies."
Vielleicht hat der Abend eine - gar nicht beabsichtigte - Nebenwirkung. Denn in manchem, der bisher klassische Konzertsäle
gemieden hat, könnte der Wunsch gekeimt sein, sich einmal die volle Wucht eines Sinfonieorchesters anzutun. Das wäre dann
klassische Nachwuchsförderung einmal anders.